Seit Liebling Kreuzberg, Matlock, Ally McBeal, Edel & Starck, Boston Legal und wie sie sonst noch hießen und heißen, diese Anwaltsserien, die seit Jahrzehnten in unterschiedlicher Besetzung über die heimischen Mattscheiben flimmern, ist das eigentlich nichts neues: Jeder glaubt zu wissen, dass Anwälte einerseits gewiefte Ermittler sein können, andererseits aber auch mindestens ebenso gewiefte Rhetoriker sind. Sie sind firm in Sachen Sprache, wenn auch häufig in einer überaus juristischen. Bereits einen Schritt weiter ist diebezüglich ein gewisser Herr Ferdinand von Schirach: Der bekannte Strafverteidiger, einem Mann, dem „große“ Fälle auferlegt werden, übt sich neben der Gerichts-Rhetorik nun in Krimi-Poetik. Und enterte mit seinem Debüt „Verbechen“, einer Sammlung – so macht es einem der Klappentext Glauben – „unglaublicher Geschichten“ aus dem „wahren Leben“ in den vergangenen Wochen die Bestsellerlisten. Annähernd alle Feuilletons der Republik gaben und geben dem Bücherfreund das Gefühl, an diesem Buch auf keinen Fall vorbeikommen.
In Tagen, in denen sich während einer Frankfurter Buchmesse erst die „Zeit“, dann die „Süddeutsche“ über das Treiben von Verlagen und Buchhandelsketten die Finger wund schreiben, gelangt der Leser jener Ergüsse einerseits und von „Verbechen“ andererseits schnell zum Schluss, dass hier eine enorme Marketing-Maschinerie in Gang gesetzt wurde – erfolgreich, natürlich. Denn das gebundene Piper-Buch, knapp 200 Seiten dick, mit 11 Kapiteln Inhalt und äußerst großzügig gesetzt, hält bei weitem nicht, was der Marketinggeblendete sich davon verspricht. Leider. Klar, die Voraussetzungen für den kommerziellen Erfolg von „Verbrechen“ sind hervorragend. Erstens ist Ferdinand der Enkel des einstigen Reichsjugendführers Baldur von Schirach, kann sich zweitens mit dem Prädikat Prominentenanwalt schmücken und zeigt drittens – Respekt! – literarisch durchaus vielversprechende Ansätze.
Von Schirach beschreibt in kurzen, zumeist sachlichen Geschichten 11 Fälle aus seiner Praxis, in denen er vor allem bemüht ist, die Hintergründe einer Straftat zu beleuchten, das Menschliche im unmenschlichen Handeln zu suchen. Egal, ob dabei Menschen grausam zu Tode gefoltert werden, Kannibalismus sich seinen Weg an die Oberfläche sucht oder ob der Beruf einen Menschen in den Wahnsinn treibt – von Schirach war und bleibt Anwalt der Täter. Schließlich sind es gerade diese Umstände von Straftaten, die für das spätere Strafmaß entscheidend sein können – anders als beispielsweise im Mittelalter, in dem nur die Tat an sich bestraft wurde.
Alles in allem haben die Fallgeschichten Potenzial, könnten fast alle Stoff für einen vollständigen Krimi hergeben. In „Verbrechen“ bleiben sie aber höchstens Drehbuchideen, noch unausgereift, zu wenig, um vollkommen zu überzeugen. Ihren besonderen Reiz höchstens auf der Leserannahme beruhend, dass es „wahre Geschichten“ sein sollen. Eine positive Ausnahme gibt es jedoch: „Der Äthiopier“, elftes und letztes Kapitel im Buch, ist alles andere als unausgereift. Eine Geschichte eines hierzulande Gescheiterten, der in Afrika sein Glück findet, schließlich aber von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Das einzige zu Herzen gehende Drehbuch in dieser Sammlung, das sich sofort uneingschränkt zum Verfilmen lohnt. Oder für einen ordentlichen Krimi in Buchform.
Fazit: Ferdinand von Schirachs „Verbrechen“ wird leider ein wenig überschätzt. Vielversprechende Ansätze besitzt diese Kurzgeschichtensammlung zwar durchaus, ansonsten steckt hinter dem Erfolg des Buches eine gewaltige und eben auch erfolgreiche Marketingmaschinerie. Wer es dennoch unbedingt lesen will, sollte aufs Taschenbuch warten, denn 16,95 Euro für dieses 200-Seiten-Hardcover sind ganz schön happig.
Das Buch:
Ferdinand von Schirach
„Verbrechen“
Piper-Verlag, Hardcover, 16,95 Euro
ISBN: 9783492053624

