Was war nicht bereits alles zu lesen über Sarah Kuttners „Mängelexemplar“: „Ein Festival frecher Sprüche“ sei ihr Erstlingsroman, das „richtige Buch zur richtigen Zeit“, mit einer „spannenden und mitreißenden Geschichte“. Nun, genau dann, bei allzu extremen Lobhudeleien, sollte der geneigte Leser eigentlich Vorsicht walten lassen. Der Dünenwanderer tat’s nicht – und war am Ende, wer hätte es gedacht, redlich enttäuscht. Klang doch die Geschichte von Karo, der klugen, liebenswerten, überdrehten und unnahbaren 26-Jährigen, die sich voller Verzweiflung und „wütendem Humor“ ihrer neuen Mitbewohnerin namens Depression entgegen stellt, zunächst durchaus reizvoll. Wie wird so plakativ in großen Lettern auf der Buchrückseite verkündet: „Die Psyche ist so viel komplizierter als eine schöne glatte Fraktur des Schädels“… Ein wirklich gutes Buch zu schreiben offensichtlich auch.
„Crossmedia“ , dieser im Journalistengeschäft ständig auftauchende Modegriff voller heißer Luft, suchte sich doch just bei der Lektüre von „Mängelexemplar“ einen Weg durch die dünenwanderer’schen Hirnwindungen. Nicht, weil Sarah Kuttner über diverse mediale Kanäle kommuniziert, sondern weil hier versucht wurde, ein Medium eins zu eins ins andere zu übertragen. Hier sollte schnelles, hippes, jugendtaugliches Fernsehen in Buchform gemacht werden. Und das ist nunmal meist zum Scheitern verdammt. Zumindest wenn man als Leser nicht jung, schnell und hip ist…
Denn was dann übrig bleibt, ist ein dröges Ameisenrennen. Kuttner versucht, mit ihrer schnoddrigen, verbildschirmten, angliszismenlastigen VJ-Sprache dem Leser das ernste Thema Depression näher zu bringen, dieses „fucking event“. Der Leser darf dabei Protagonistin Karo durch job- und beziehungslose Phasen ihres Lebens begleiten, mit ihr wieder bei Mama einziehen, lernt ihre langsam wachsende Therapeutenwelt kennen und – immerhin – eine Depression als fiese Laune des eigenen Gehirns.
Alles in allem bleibt aber ein mehr als fader Beigeschmack nach der Lektüre dieses Buches, verursacht durch platten Wortwitz und einer leider oberflächlichen Story mit der geradezu klischeehaften und äußerst nervigen Karo im Mittelpunkt. Dem Thema Depression als sogenanntes „gesellschaftliches Minenfeld“ wird das Buch jedenfalls nicht gerecht – sollte das überhaupt ein Anspruch Sarah Kuttners (oder des Verlags) gewesen sein.
Fazit: Nomen est omen… „Mängelexemplar“ ist für mich ein solches. Platt, nervig, sprachlich daneben. Mitnichten das „richtige Buch zur richtigen Zeit“.
Das Buch:
Sarah Kuttner
„Mängelexemplar“
S .Fischer-Verlage, 263 Seiten,
14,95 Euro
Einige andere, auch durchaus positive, Meinungen zum Buch gibt’s beispielsweise bei:
aus.gelesen
LiteraturBlog
Tagespiegel
Südkurier

