Ich schicke voraus: Unter Comics verstehe ich wie einst vor 25 Jahren „Disneys lustige Taschenbücher„, „Yps“ oder etwa Asterix. Oder, später dazugekommen, nach einer kurzen Ralf-König-Phase noch Toms „Touché„. Das war’s aber dann schon fast. Mit dem, was heuer als „Graphic Novel“ beschrieben wird, hatte ich bis zu Fred Vargas „Das Zeichen des Widders“ nichts am Hut. Und werde – nach der Leseerfahrung der Ende 2008 vom Aufbau-Verlag als neu verkauften Geschichte der krimischeibenden Französin – weitere Werke aus diesem Genre vom erwähnten Hut fernhalten. Sicher. Für einen eher konservativ lesenden (und subjektiv urteilenden) Krimifan ist dieser Mix aus Comic und (Kriminal-)Roman schlicht Käse – optisch und inhaltlich ein Reinfall.
Nach dem vorweggenommenen Fazit nun Butter bei die Fische: Das, was im letzten Jahr als „Das Zeichen des Widders“ auf den deutschen Buchmarkt kam, wurde bereits acht Jahre zuvor unter dem Titel „Les quatre Fleuves“ bei unserern französischen Nachbarn veröffentlicht. „Les quatre Fleuves“ ist das Zusammenwirken von Krimi-Autorin Fred Vargas und des Comic-Zeichners Edmond Baudoin. Kommissar Adamsberg ermittelt diesmal in Wort und Bild in einem Fall, bei dem zwei halbwüchsige Kleinkriminelle einem Mann eine Tasche klauen, in deren Innern sie neben 30.000 Francs (!) auch allerhand okkultes Zeugs finden. Einer der beiden Diebe wird am nächsten Morgen tot aufgefunden. Der andere schwebt in Lebensgefahr, wie Adamsberg schnell herausfindet…
Wie schreibt der Aufbau-Verlag: „In diesem einzigartigen Comic-Roman verbinden sich Vargas’ reiche literarische Phantasie und die ausdrucksvollen Zeichnungen des Illustratoren Boudoin zu einem wahren Schmuckstück…“. Nun, reiche literarische Fantasie hat Fred Vargas allemal. Ihre bisherigen – herkömmlichen – Romane zeugen davon. Auch in „Das Zeichen des Widders“ blitzt der Vargas’sche Hang zu Skurrilem auf, „normale“ Mordfälle sind ihre Sache nicht. Doch: Wer ihre sonst so fein gesponnenen Plots liebt, kann zwangsläufig mit dieser extrem knapp gehaltenen Story nicht zufrieden sein. Zu flach, zu wenig Inhalt. Wie gesagt, zwangsläufig bei einer „Graphic Novel“. Schließlich sollen die Zeichnungen auch zu ihrem Recht kommen. Letztere mögen aufwendig und bemerkenswert sein, Fans und Experten Vokabeln a la „surreal-beklemmende Intensität“ entlocken, für mich als „Asterix“-geprägten und mangaunkundigen ist jene Schwarz-Weiß-Malerei eine einzige Enttäuschung. Sorry, ist halt so. Besonders, da ich mich auf einen visualisierten Adamsberg gefreut habe… Leider wird Baudoins Bildnis des Kommissars in keiner Weise gerecht, wirkt geradezu lustlos und uninspiriert. Im Gegensatz übrigens zum fast allwissenden und zwillingezeugenden Assistenten Danglard. Das passt.
So, nach soviel Gemotze und anstatt des eingangs schon formulierten Fazits will ich mit etwas Positivem aufhören: Eines Vargas-Krimis absolut würdig ist die Geschichte des Vaters einer der beiden Taschendiebe. Jener bastelt in seinem Garten an einer imposanten Skulptur: dem Nachbau von Berninis „Vierströmebrunnen“ (siehe Originaltitel: „Les quatre Fleuves“). Als Baumaterial verwendet er von seinen Söhnen gesammelte Kronkorken und Bierdosen. Immerhin: Für diese Geschichte in der Geschichte lohnt sich das Betrachten jener „Graphic Novel“… Leider eben nur dafür.
Das Buch:
Fred Vargas/Edmond Baudoin „Das Zeichen des Widders“
Aufbau-Verlag, 222 Seiten, 22,95 Euro (!!)
Verlags-Video zum Buch in der Tube
Fred Vargas bei Wikipedia
Ach ja, hier noch eine etwas andere Rezension eines Mannes, der sich offensichtlich mit „Graphic Novels“ auskennt – im Gegensatz zu mir.


Schlechte Umsetzungen finden sich in jedem Medium – insbesondere, wenn der Plot eigentlich für ein anderes geschaffen wurde, und die Zeichnungen eher Illustrationen sind und dadurch das Gesamtwerk verflachen.
Der Aussage „Zu flach, zu wenig Inhalt. Wie gesagt, zwangsläufig bei einer “Graphic Novel”.
muss ich aber vehement widersprechen: Comics sind ein eigenständiges Medium, das Texte um eine weitere Dimension ergänzt. Werden die spezifischen Eigenschaften des Mediums genutzt, kommt dabei im besten Fall mehr heraus als bei normaler Literatur.
Übrigens hasse ich Mangas und bin auch mit YPS groß geworden, aber die Comicwelt der „erwachsenen“ Serien ist eine ganz eigene. Für Background und Theorie dazu empfehle ich Scott McLouds „Comics richtig lesen“. Wer sich das nicht antun, aber trotzdem einmal in diese Welt reinschnuppern möchte, sollte zumindest einen Blick auf Graphic Novels vom Kaliber „Maus“, „Sandman“ oder die Werke von Alan Moore werfen – hier wird das Medium voll ausgeschöpft und fordert den Leser.