Eigentlich, so ganz eigentlich, müsste mir Autor Helge Timmerberg sympathisch sein. Schließlich will er eigentlich garnicht verreisen, der gute Mann. Will lieber zu Hause bleiben im heimischen Berlin, in seiner heimeligen Wohnung. Seine Träume warnen ihn sogar davor, sich auf den Weg zu machen. Er sieht ein mieses Gefängnis in Ägypten oder einen explodierenden Bus in den Bergen von Laos. Doch trotz allem: Er überwindet sich dennoch, geht auf eine 80-tägige Weltreise und folgt dabei den Spuren von Jules Vernes Romanfigur Phileas Fogg, dessen Route Timmerberg in der selben Zeit aber mit modernen Transportmitteln folgen will – zumindest mehr oder weniger. Soviel zur Ausgangssituation, der sich der polyglotte Journalist, der weitgereiste Mittfünfziger mit langer Grauhaarmähne stellt.
Von Berlin geht’s für ihn nach München, dann über Venedig, Rimini, Triest, Piräus, Athen bis nach Kreta. Kairo wird – nach den bösen Träumen – nur auf dem Flughafen gestreift, ehe mit Bombay, Goa, Bangkok, Hongkong, Shanghai und Tokio schließlich Asien abgeklappert wird. Am Ende geht’s über Mexiko nach Havanna, dann über Dublin und Amsterdam zurück nach Berlin. Ein straffes Programm, könnte man meinen. Das war’s allerdings einst für den Gentleman Phileas Fogg, der mit Eisenbahn, Heißluftballon oder per Schiff unterwegs war. Ein meist per Flieger reisender, auf jeder Seite seines Buches spürbar alternder Helge Timmerberg hat dagegen viel Zeit, sich so seine Gedanken zu machen, gegen unzählige Dämonen zu kämpfen, nach Rat zu suchen, diverse Drogen und jede Menge Alkohol zu konsumieren. Und vor allem: zu rauchen.
Letzteres ist ein vorherrschendes Thema auf der modernen Jules-Verne-Tour, ist Nichtraucherschutz doch heutzutage ein globalisiertes Thema. So wie ein lästiger Detektiv im 19. Jahrhundert Jules Vernes Helden verfolgt, wird Timmerberg auf seiner Reise von Rauchverboten, seiner ständigen Entscheidungsparalyse oder einer Reiseunlust verfolgt. Blöd, wenn man eine Weltreise macht. Und leider auch schade für das Buch. Denn eben jene Verfolger machen den Zauber dieser Reise, so es denn einen geben sollte, vollkommen kaputt. Timmerbergs ständige Suche nach Raucherplätzen, seine ellenlangen spirituellen Ausführungen und das ewige Betonen, den ihm offerierten Sex nicht nötig zu haben, machen den eigentlich guten Ansatz dieses Buches zunichte. Vermeintlich Hintergründiges wirkt platt, Sympathie für den „Helden“ schlägt ins Gegenteil um. Am Ende war ich froh, als das Buch zu Ende war – und Timmerberg wieder in Berlin.
Fazit: Klappentexte sind eben mit Vorsicht zu genießen. Das ist keine neue Erkenntnis. Trifft bei Helge Timmerbergs „In 80 Tagen um die Welt“ aber einmal mehr zu. Sein lockerer Schreibstil und der Buchansatz, auf Jules Vernes Spuren reisen zu wollen, haben mich dieses Buch kaufen lassen. Leider fängt Timmerberg dabei genau jene Details ein, die mir völlig unwichtig sind, die mich geradezu nerven. Das einzig Sympanthische, das am Ende übrig bleibt, ist eine wenig originelle Erkenntnis, die den Autor nach 80 Tagen trifft: Zu Hause ist es doch am schönsten.
Das Buch:
Helge Timmerberg
„In 80 Tagen um die Welt“
rowohlt, Hardcover, 288 Seiten
ISBN: 978-3-87134-593-7
19,90 Euro
Helge Timmerberg bei Wikipedia.



Da ist wohl einer eifrig auf einem berühmten Namen geritten, ohne schreiberisch sattelfest zu sein, was?
Naja, eigentlich ist Herr Timmerberg ein überaus erfahrener Reiter. Nur dieser Gaul, der ging ihm wohl durch. Aaalso, das ist meine Meinung, ne.
Ich mochte Timmerbergs Buch, Jules-Verne-frei, wie es ist. Schreiben kann er nämlich. Habe mir allerdings auch überlegt, ob ein Mann es anders liest als ich, und tatsächlich …! (Ich fand es eher rührend, wie Herr T. für die Frau zuhaus eine weiße Weste behalten wollte. Oder was sonst er mit seinen Ausführungen zu japanischen Masseurinnen andeuten wollte.)
Dass Männer und Frauen anders lesen, daran dürfte wohl wirklich was dran sein. Ging mir jüngst auch bei anderen Büchern so. Stieg Larsson-Krimis zum Beispiel. Das seien „Männer-Bücher“, wurde mir gesagt. Und vielleicht ist Timmerbergs Werk eher ein „Frauen-Buch“.
Tja, dann mag ich wohl Männer-Krimis. Zumindest wenn sie so gut ausgedacht sind. Und? Hypothese widerlegt?
Mist, war wohl nix…
Zu platt, diese Hypothese. Ich arbeite dran!