Nicht auszudenken, welche Folgen ein EM-Sieg Österreichs gegen Jogis fußballernde Jungs vor einigen Wochen gehabt hätte. Mannomann. Nix mit Finale und Gedöns. Und unsereiner hätte im Urlaub sicher seinen Spaß gehabt. Denn der spielte sich just in der Alpenrepublik ab, genauer in “Zöll am Sö”, wo laut Austropopper Wolfgang Ambros “Schifoan” “des Leiwandste, was ma si nur vorstö’n kann” ist. Damit auf dem Weg dorthin nix schiefgeht, war ich literarisch vorbereitet. Mit der
“Gebrauchsanweisung für Österreich” von Heinrich Steinfest
Zunächst mal: Ich mag die Art, wie der Steinfest Heinrich schreibt. Eine nicht ganz unwichtige Anmerkung, denn sein Stil ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Von Jederfrau auch nicht. Steinfests Sprache ist einerseits präzise, mit einem untrüglichen Blick fürs Absurde, fürs Sonderliche – eben für Österreich – ausgestattet. Andererseits schweift der in Australien geborene und in Stuttgart lebende östereichische Kosmopolit gerne ab, unberechenbar weit ab, kehrt aber nach philosophischen Ausflügen wieder nach Hause zurück. Allerdings nicht ohne zuvor den Leser in seine ganz eigene Gedankenwelt eingeführt zu haben, die oft nur Kopfschütteln zurücklässt – stets aber mit einem Lächeln im Gesicht. Ein Prinzip, dass dem 47-jährigen Krimiautor (”Cheng”, “Ein sturer Hund”, “Nervöse Fische”,…) jede Menge Erfolge und Anerkennung beschied.
Diesen Unberechenbaren mit dem Verfassen einer “Gebrauchsanweisung” zu beauftragen, war sicherlich ein mutiges Unterfangen des Verlags. Aus meiner Sicht aber ein durchaus gelungenes. Steinfest hat wie erwartet keinen Reiseführer abgeliefert, der dem Österreich-Besucher die schönsten Ecken des Landes vorschwärmt. Herausgekommen ist vielmehr ein satirisches Psychogramm eines Landes, dass einst “als Riese eingeschlafen und als Zwerg wieder erwacht ist.” Es ist eine liebevoll bösartige Auseinandersetzung mit einem magischen Fleckchen Erde und dessen Bewohnern, ihrer Vorlieben für Süßes, für Alkohol oder auch den Tod. Es gewährt dem Österreich-Besucher Einblicke in die geschundenen Seelen der Austro-Fußballer und führt ihn in einen Strudel aus Schein- und Unterwelten ein – nicht immer zur Freude der Österreicher selbst, sicherlich.
Fazit: Wer den steinfest’schen Stil mag, wird als Nicht-Österreicher seinen Spaß an diesem Buch haben. Trotz mancher Längen in etwas spezieller gehaltenen Kapiteln (”Der Österreicher und das Theater”). Der Urlauber erhält garantiert einen anderen, besonderen Blick auf sein Ferien-Dominzil, wird manch Eigenart jenes Volkes neu zu bewerten wissen. Und er wird als erstes im Billa-Supermarkt (der mit der drehenden Tüte) Mannerschnitten und Schwedenbomben kaufen… Guten Appetit!
Das Buch:
Heinrich Steinfest
“Gebrauchsanweisung für Österreich”
ISBN: 9783492275682
Piper-Verlag, München
12,90 Euro
Heinrich Steinfest bei Wikipedia


Feines Buch!
Als wir Westfalen den Rücken kehrten, schenkte man uns die “Gebrauchsanweisung für Bayern” von Bruno Jonas: Auch einige Längen, aber auch sonst lässt sich deine Steinfest-Rezension modifiziert durchaus übertragen.
Guter Tipp. Nachdem unsere Gebrauchsanweisung-Sammlung die österreichischen Lande quasi vollständig umfasst, wäre jetzt ja die Nachbarregion als erstes dran.
Heinrich Bernhard – Thomas Steinfest?
Habe gerade teils belustigt, teils verwundert durch diese Gebrauchsanweisung “gepflügt” – Steinfests Stil ist selbst für Dickens-Anhänger eine mühsame Kost…- und frage mich doch, Österreicherin/Wienerin und Wahl-Niederösterreicherin, die ich bin, ob hier jemand seinem offensichtlichen Vorbild Thomas Bernhard vielleicht ein wenig zu sehr nacheifert…
(Buchkritik zu lesen auf http://www.buchkritik.at)
Nuja, “zu sehr” würde ich nicht sagen. Und sich dem bernhardschen Stil ab und an zu bedienen, spricht ja eher für Thomas Bernhard und nicht gegen Heinrich Steinfest.