Kreuzchen gegen die Krise
16. Mai 2008 von Micha
“Ey Alda, was soll isch ankreuze?” Diese Frage stellen sich genau in diesem Moment unzählige Jugendliche. In Heidelbergs Schlafstadt Eppelheim. Ein einstiges Maurerdorf übrigens. Darf man aber nicht sagen, sonst fühlen sich die Eppelheimer Handwerker gemobbt gegenüber der geistigen Elite in der Traditions-Unistadt. Psst! Nix da von wegen goldenem Boden… Aber zurück zu den Jugendlichen. Mit denen hat die Stadt ein Problem. Sie randaliert, pöbelt und säuft zuviel. Die Jugend, nicht die Stadt. Die Polizei kann dagegen nix machen, die sind zu wenige und außerdem abends und nachts im Feierabend. Büroarbeit macht schließlich müde. Also müssen sozialpädagogische Streetworker ran, die dem randalierenden Mob Gesprächsangebote machen sollen. “Kevin, das war war jetzt aber nicht nett, dass Du die Wodka-Flasche ins Schaufenster geworfen hast. Darüber müssen wir mal reden…” Ein “Krisen-Interventionsteam” soll helfen, die Situation in den Griff zu bekommen - nein, nicht in Burma, Afghanistan oder dem Irak, sondern im Krisenzentrum Eppelheim.
Dazu wurden eigens an der Uni (aus der elitären Nachbarstadt) Fragebögen entwickelt und nun verschickt. An die Jugendlichen. Die, die lesen können, stehen also nun vor einem Problem, rund 20 Kreuzchen machen zu müssen. Zu so subtilen Fragen wie: “Ist es in Ordnung, einem unsympathischen Menschen das Auto zu zerkratzen?” Oder, für Kevin frei übersetzt: “Isses fett, wenn Du vollgesoffen Stress machst?” Die Jungs und Mädels können zwischen 5 Antwortvarianten von “Trifft zu” bis “Trifft nicht zu” wählen. Was die drei Möglichkeiten in der Mitte sollen? Uni-Geheimnis.
Der schäubleeske Hammer an der Sache: Die Jugendlichen werden gebeten, ihren Namen und ihr Geburtsdatum angeben. Weil: Nach dem Streetworker-Einsatz wird in einem halben Jahr nochmals befragt, werden die gleichen Fragen erneut gestellt. Und vielleicht hat ja die Gehirnwäsche das Gesprächsangebot genutzt und Kevin schmeißt die Wodka-Flasche nach dem Auf-Ex-Trinken jetzt plötzlich in den Altglascontainer. Damit man die Kevin-Fragebögen einander zuordnen kann, braucht’s die persönlichen Daten. Klar, ne. Mit unserem Innenminister hat das selbstredend nichts zu tun, die Daten werden anschließend sofort gelöscht. Sicher.
Jetzt wird unserer Jugend ja viel Blödheit nachgesagt, aber so bescheuert ist sie nun auch nicht. Erst sollen sie durch ankreuzen deutlich machen, dass sie unsere gewaltbereite, versoffene und verkommene Zukunft sind und dann noch ihren Namen dazuschreiben? “Ey Alda, sin die schwul odda was. Die checke nix, odda?”