Poesie am Bülowbogen
15. Mai 2008 von Micha
“Jetzt schmeiß doch endlich mal die alten Dinger weg. Was willst Du denn damit noch.” Meine sonst so kluge Freundin kann manchmal auch ein wenig unsensibel sein. Schließlich soll ich meine alten Poesie-Alben in die Tonne kloppen, sagt sie. Die, die seit unserem Umzug immer wieder den Weg auf meinen Schreibtisch finden. Von ganz allein. Dabei lohnt ein Blick ins Innere allemal.
Ich besitze sogar zwei von diesen Schätzen. Naja, ein richtiges Poesie-Album und eines mit dem Titel “Das ist meine Schulklasse” und ein paar Jungs und Mädels drauf, die wie Illustrationen von “Hanni und Nanni” oder “Burg Schreckenstein” aussehen. Aber dazu später. Mein eigentliches Poesie-Album ist ein besonders hässliches. Quasi mit maskuliner Note. Statt Blümchen oder Pferden drauf hat es einen psychodelischen Einband mit blau-schwarz-rot-orange-lila-hellblauem Muster. Aber ein Sicherheitsschloss besitzt es auch. Nur keinen Schlüssel mehr. Seufz.
Drinnen verbergen sich wahre Kostbarkeiten präpubertäter Dichtkunst. Da ist von Möpsen und Haferstroh, Rosen und Vergissmeinnicht oder drei Kirschen die Rede, die ein Pfund wiegen sollen. Klar. Verstanden habe ich das Geschreibsel bis heute nicht. Ein Höhepunkt ist übrigens der Beitrag von Franz-Josef. Nicht des Inhalts wegen, sondern weil Mutters Liebling ihrer Ansicht nach wohl keine poesiealben-konforme Handschrift besaß und sie deshalb alles mit Bleistift vorschrieb. Man sieht’s auch fast 30 Jahre danach noch. Peinlich ist mir dagegen der Eintrag meiner einstigen Verehrerin Astrid. Die hatte über jedes “i” ein Herzchen gemalt, zum Abschluss steht “dem lieben Micha”. Das “lieben” habe ich irgendwann durchgestrichen. Aber dann, nach harschen Protesten, wollte ich den Strich wieder “rauskillern” (ist das Wort “Tintenkiller” überhaupt noch erlaubt?). Liebe Astrid, es tut mir leid! Ehrlich. Rüpel, ich.
Später, im Gymnasium, kam dann das erwähnte “Klassen”-Buch zum Einsatz. Und da ging’s richtig zur Sache. Keine wachsweichen Sprüche mehr, harte Fakten sollten da rein. Adresse, Telefonnummer, Liebelingsmusik, eben alles, was man wissen musste. Von den Mädels. Insgesamt ergab das dann ein wunderbares Abbild der 80er. Kaum ein Mädchen, das nicht gerne Enid Blyton gelesen hat, kaum ein Junge, der sich nicht für die “Drei ???” begeistern konnte. Und die Musik erst: 90 Prozent fanden Nena toll, den Rest teilten sich die Flying Pickets, Trio oder Reinhard Mey. Wer Duran Duran hörte, galt schon als Rebell. Auch eine Ode an das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist dieses Zeitdokument: Dieter Hallervorden, Otto, Mike Krüger oder, Achtung, Günter Pfitzmann tauchen da als Lieblingsstars auf. Kinder, Kinder, da war die Welt rund und den Bülowbogen und bei den drei Damen am Grill noch in Ordnung.
Und diese Schätze soll ich nun also wegwerfen? Nie im Leben. Ich ziehe jetzt erst mal den Nippel durch die Lasche und suche den verschollenen Schlüssel. Dann gehe ich auf den Markt und lasse mir drei Kirschen geben. Und wehe, die wiegen nicht ein Pfund.
Wie ich Dich kenne, lieber Duenenwanderer, stand doch sicher auf der ersten Seite in Deinem Poesiealbum:
Lieber Kinder, gross und klein,
schreibt Ihr in mein Buechlein rein,
so wascht Euch ertst die Haende rein.
Ich hatte es jedenfalls reingeschrieben. Daneben hatte ich mit meiner unverwechselbaren kuenstlerischen Begabung eine Zeichnung eines Kindes, dass sich die Haende waescht. Sah allerdings eher nach Franksteins Monster auf der Toilette aus, wenn ich mich richtig erinnere…
Was mich an den “Klassen”-Buechern immer gestoert hat, war, dass man immer ein Foto einkleben musste das ich natuerlich damals ohne digitale Fotografie, Computer und Farbdrucker nie zur Hand hatte. Deshalb hat es dann schon mal so 3 Monaten gedauert, bis man das Buch seinem Eigentuemer zurueckgegeben hat. Ich glaube sogar das “Klassen”-Buch einer gewissen Daniela D. noch zu Hause zu haben, was mich gerade sehr beschaemt.