Orchideenmedium: Suppenkaspar 2.0
8. Mai 2008 von Micha
Ein Beitrag zum Thema Hoffnung im Arbeitsalltag: Der gemeine Zeitungsredakteur hat’s ja nicht leicht. Seit Jahrzehnten nicht. Zunächst kommt plötzlich so ein dahergelaufenes Fernsehen um die Ecke und überholt die Zeitung in Sachen Aktualität. Dann verdrängt das dämliche Computer-Dings zuerst die liebgewonnene Schreibmaschine, dann die Schriftsetzer-Kollegen aus Fleisch und Blut. Ruckzuck musste der Redakteur deren Arbeit übernehmen. “Ganzseitenumbruch”, welch Schmarrn. Und jetzt, ganz überraschend seit 15 Jahren, bringt auch noch das mysteriöse Internet Wallung ins heimelige Büro. Dieses unfassbare, geheimnisvolle, exotische Orchideenmedium, das. Kein Wunder, dass manch verdienter Schreiberling eine Verweigerungshaltung an den Tag legt, die dem Hoffmann’schen “Suppenkaspar” zu Ehren gereicht. “Nein, ich google nicht, Google benutze ich nicht”. Telefonnummern findet der Herr, sonst “kerngesund und kugelrund”, außerdem im gedruckten Telefonbuch, dieses “Ih-Meyl” kann und will er auch nicht, oder so.
Auch 150 Jahre nach Veröffentlichung des “Struwwelpeter” - der erschien auf Papier, ganz traditionell gedruckt! - kann ich fast täglich einen heldenhaften Kampf nicht gegen die Suppe, sondern gegen die Moderne zu beobachten. Suppenkaspar 2.0, quasi. Nicht nur bei Rudi, den ich ja hier schon vorgestellt habe. Dieses Verweigern dürfen die Zeitungsleser auch gerne merken, schließlich hält “ihr” Schriftleiter, “ihr” Redaktor “ihre” Zeitung hoch. Und das geht beispielsweise so: Wenn es denn mal unumgänglich ist, eine Internet-Adresse in einem Artikel anzugeben, wenn sich quasi die raffinierte Orchidee sich um den schnöden Birnbaum schlängelt, wird das World Wide Web eben einfach punktiert - w.w.w.ichhasseinternet.de. Fragt ein Leser am Telefon nach der E-Mail-Adresse der Redaktionsstube, geht folgendes Gestottere los: “Äh, ich glaube, äh, warten Sie mal, ich frage mal, ja, äh, w.w.w. …” Auch bei Begriffen die Word-, Pdf- oder jpg-Datei huscht ein seliges, entrücktes Grinsen übers Gesicht des Berufserfahrenen - um sich dann kommentarlos der Wurst-Stulle zu widmen - mit Gürkchen drauf!
Ich hoffe inständig, die Kollegen haben einst den Suppenkaspar gelesen. Ich hoffe sie wissen, was am fünften Tag mit diesem zunächst rotbackigen Buben passierte. Und ich hoffe, wir sind derweil maximal bei Tag 3 der Geschichte angekommen. Außerdem hoffe ich, das die “lustigen Geschichten und drolligen Bilder” rund um den Redakteur eine überraschende Wendung nehmen - so richtig mit einem Happy-End “Zwonull” im Orchideenmedium. Und hoffen darf man doch, oder?
Suppenkasper 2.0 ist ein tolles Wort für dieses Phänomen. Das merk ich mir, oder ist da ein Urheberechtsvermerk mit dabei? Aber sei getrost: Die gibt es nicht nur in Redaktionen!
und das ist anderen Orts am Main auch nicht besser. Zur Erheiterung ein Link.
http://www.dailymo.de/2007/03/30/glos-macht-schule/
Danke für die Aufmunterung! Und natürlich den Link. Das Thema hat mich doch tatsächlich an gewisse Dinge erinnert. Blog-Aufarbeitung davon ist in Arbeit!
Eine weitere Suppenkasper-Gruppe sind Verlage. Vor allem die, die im Email-Zeitalter selbst popligste Textproben ausgedruckt und mit der Post geschickt bekommen müssen.
Die müssen Zeit haben!