Orchideenmedium: Rudis Fragezeichen
28. April 2008 von Micha
Kollege Rudi ist ein besonderer Mensch. Ein liebenswerter. Und ein gescheiter. Von seinem Wortschatz können gerade wir jüngeren Kollegen uns eine Sch(r)eibe abschneiden, was Grammatik oder Interpunktion angeht sowieso. Blöd ist bei Rudi nur, dass er der Meinung ist, mit seinen 58 Jahren hat er genug gelernt. Jahrzehntelang hat er alles in sich aufgesogen, er, der Journalistenschwamm. Jetzt isser voll.
Neulich sagte unser Chef zu ihm, er solle einen Begriff “bei Google eingeben”. Bei einem Blick in Rudis Gesicht wusste ich sofort was es bedeutet, wenn man sagt, ein Mensch habe Fragezeichen im Gesicht. So viele Fragezeichen. Immerhin: Rudi weiß, was das Internet ist. Weiß, dass er auf seinem Bildschirm auf das Internet-Explorer-Symbol doppelklicken muss. Aber suchen? Bei Google? Für Rudi ist solch ein Internet-Schmarrn Teufelszeugs. Und unnötig zugleich. Schließlich weiß er, der Schwamm, ja fast alles. Daher hat er auch keinen Computer zuhause. “Ich habe doch noch ein Leben”, sagt er entrüstet, auf dieses Thema angesprochen. So manchmal redet er sich auch damit raus, dass er auf dem Land lebt. Und da gibt’s keine schnellen Verbindungen. Unter uns: Rudi weiß gar nicht, was “schnelle Verbindungen” sind. Schwamm drüber. Rudi ist außerdem fest davon überzeugt, dass die meisten Älteren vom Internet nichts wissen wollen. “Denen reicht die Zeitung.”
Das Schlimme, Ernste daran ist nun: In unserem Verlagshause wimmelt es von Rudis. Orchideenliebhaber massenweise. Online-Journalismus? Schmarrn. Internet als Orchideenmedium. Nur Papier ist das Wahre! Hm.
Doch dann, ein Lichtblick. Rudi kann auch anders. Kann sich durchaus auf der Datenautobahn bewegen oder lässt sich dazu begeistern. Beispiel 1: Google Earth. Teufelszeug, teuflisches. Mit kindlicher Begeisterung zoomt er, an meinem Bildschirm sitzend, auf sein Elternhaus im Hunsrück, zeigt sein eigenes Häuschen am Hang. “Das ist meine Garage”, freut er sich. Verrückt, sagt er. Was es alles gibt. Beispiel 2: E-Mail. Rudi hat eine neue Freundin. In Berlin. Die macht was mit Medikamenten, erzählt er. Und die e-mailt viel. Rudi jetzt auch. Hackt in die Tasten wie ein Junger. Leider eben während seiner Arbeitszeit in der Redaktion. Zuhause hat er ja keinen Computer. Und Telefonieren ist teuer. Flatrate?…. Da sind sie wieder, die Fragezeichen.
Wie auch immer, ich seh’s positiv. Auch Rudis lassen sich vielleicht von den Vorzügen der “neuen” Technik überzeugen. Dann ist’s nicht mehr so exotisch, geheimnsivoll. Und Fragezeichen im Gesicht gehören der Vergangenheit an.